Der Oberharzer Dialekt
Eine weltweit einzigartige Mundart

Allgemeines

Die Oberharzer Mundart ist ein Dialekt, der zu oft fälschlicherweise anderen Ursprüngen zugeordnet wird. Da ist die Rede von einem „erzgebirgischen” Dialekt, das niedersächsische Ministerium für Kultur spricht 2018 sogar schriftlich von einem ausschließlich „Schlesischen” Dialekt und man solle sich für weitere Fragen an das Institut für Niederdeutsche Sprache wenden. Das wäre genau so unsinnig, als würde sich der Tag an die Nacht wenden, um etwas über Helligkeit zu erfahren. Die gleichgeschalteten Meinungen um 1937 sprachen sogar von „Bergstädten hinter dem Mond“, die der “Inzucht” erlegen waren.

Diese Chronisten, die nicht aus dem Oberharz stammen, geben in ihren Notizen lediglich eine Momentaufnahme ihrer Oberharzer Erlebnisse wieder. Daraus eine allgemein gültige Aussage zum Dialekt zu formen, ist eben schlichtweg falsch.

Oberharzer Chronisten, wie z. B. Adolph Ey, sprechen von ihrer Mundart anders:
Unnere Schprohch, oh liewer Harzer / sei uns heilich, teier, warth / kähner schprohch davon verachtlich / nischt for uns hot gressern Warth / is ärscht unnere Schprohch noch wack / denn leit gans dr Harz in Drack.

oder ins Hochdeutsche übersetzt:
unsere Sprache, oh lieber Harzer / sei un heilig, teuer, wert / keine sprech davon verächtlich / nicht für uns hat größern Wert / ist erst unsere Sprache noch weg / liegt der Harz ganz im Dreck

Ich spreche  von einem Dialekt, der sich über mehrere Jahrhunderte aus mindestens zehn verschiedenen eingewanderten Dialekten ausschließlich im Oberharz gebildet hat und als dort mitteldeutsche Spracheninsel in dem umgebenden niederdeutschen Meer existiert.

Unverständlicherweise sind verschiedene Ebenen im Bundeslandes Niedersachsen immer noch der irrigen Auffassung, die Oberharzer Mundart sei ein Derivat (Abkömmling) der sächsischen oder schlesischen Mundart. In den betreffenden Bundesländern Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt und beim schlesischen Sprachenatlas an der Uni Gießen ist man allerdings der Meinung, dass die betreffenden mitteldeutschen Mundarten aus dem Oberharz stammen. Dabei wird besonders auf die unterschiedlich späten Gründungszeiten der östlichen und westlichen Bergstädte verwiesen. Zudem zeigt ein Klang-, Wort- und Schreibvergleich durchweg, dass man in Ost-Franken, in der bayerischen Rhön bzw. im Fichtelgebirge ebenso spricht. Betrachtet man nun die Besiedelungsgeschichte der Ortschaften Gebirgsschlesiens, des Erzgebirges und des Oberharzes wird puzzelartig klar, dass unsere Oberharzer Mundart ihren anfänglichen Ursprung in Ost-Franken bzw. im Fichtelgebirge (Oberfranken) haben dürfte. Komischerweise steht man mit dieser Meinung noch überall auf Kriegsfuß, auch noch nach Hinweisen auf dazu vorhandene Beweislagen. Komisch !

Heute verzichtet man auf ein tiefer gehendes Nachdenken und es behaupteten Angehörige des Institutes für Niederdeutsche Sprache in Bremen (INS) allen Ernstes, die Oberharzer Mundart sei ein Derivat des Hochdeutschen, was nun wiederum genauso falsch wie unsinnig sein dürfte, denn die Oberharzer Mundart gab es eher als die anfangs künstliche deutsche Schriftsprache der Bibel des Martin Luther, genannt: Hochdeutsch.

Erkenntnisgemäß dürfte alleiniger Grund für diese gebetsmühlenartig wiederkehrende Meinung sein, dass das Land Niedersachsen im Rahmen der europäischen Charta für Regional- und Minderheitensprachen des Europarates der EU eine nicht geringe Menge Fördermittel füllhornartig in andere Richtungen als der des Oberharzes ausschüttet, größtenteils nach Norden.

Fakt ist aber auch, dass die Menschen, die die Oberharzer Mundart sprechen und verstehen, nicht mit Torfstechern, Küstenfischern oder Landwirten des flachen Landes verglichen werden können, mit deren Erträgen die welfischen Fürsten und Könige kaum ihre europaweiten Prunkbauten hätten erbauen können. Oberharzer lieferten 100 % des welfischen Silbers tonnenweise ab, zuerst nach Braunschweig, zwischendurch mal nach Frankreich, später nach Hannover, dann nach Preußen und anderweitigem Berlin, mal an private, mal an staatliche Firmen. Aber es wurde immer abgeliefert, nie für sich selbst behalten. Für die vielen Zwistigkeiten und Kriege der jeweiligen Landesherrn lieferten die Oberharzer Hütten Blei, Gusseisen, Kupfer und Zink, immer verbunden mit den neuesten Forschungsergebnissen der Bergakademie, heute der TU. Oberharzer Montan-Wissenschaftler Geistliche, Lehrer, Mediziner und Firmengründer waren / sind weltweit sehr gefragt.

Nicht anders ist es mit den Erfindungen und Entdeckungen der Oberharzer zum Wohle und zum Evolutionsfortschritt der Menschheit, die allerdings weltweit vom welfischen, hannoverschen und preußischem Landesherrn zum eigenen Wohl gehandelt wurden.

aha !
Übrigens bezeichnen „Mundart“ und das griechische Wort „Dialekt“ die gleiche Sache. Mundart wurde ab 1936 favorisiert. Heute ist es egal, wie man sie bezeichnet. Allerdings dürften nur wenige den Grund wissen.


Die Mundart

Die Oberharzer Mundart ist ein mitteldeutscher, nordwest-böhmischer, west-erzgebirgischer Dialekt mit ost-/ober-fränkischen Wurzeln, der bereits 968 im Oberharz seinen Anfang mit den Dialekten der Sachsen, der Böhmer und Ost-Franken in den Oberharzer Gruben nahm. Um 1068 wanderten oberfränkische Bergleute aus dem Fichtelgebirge zu. Sie ist keine Schriftsprache. Ab dem 16. Jahrhundert ergänzte sie sich durch zugewanderte Sprachen und Dialekte, z. B.:  Französisch, Niederdeutsch, Hochdeutsch, Thüringisch, Sächsisch, Böhmisch, wenig Englisch, wenig Alemannisch, wenig Tirolerisch, viel gemeinsames Ost- / Ober-Fränkisch, wobei die französischen Ausdrücke “eingemeindet” und in der üblichen Mundart aussprachegemäß angepaßt wurden. Bergleute aus dem Erzgebirge wanderten wegen der umfangreichen sozialen Bergrechte zurück in den Oberharz, den sie einst in Richtung Erzgebirge verließen.

Unsere Mundart ist weltweit einmalig, dazu hoch integrativ. Menschen kamen aus allen Teilen Europas, arbeiteten zusammen, lebten gemeinsam im kargen Oberharz, ohne Spannungen, ohne Feindseligkeiten, dafür aber mit einem großen Gefühl für Zusammenhalt, das darin gipfelte, dass man gemeinsam gegen die Administration vorging und zeitweise unruhig demonstrierte. Frauen befreiten gefangene Jugendliche aus den Händen der zu Hilfe gerufenen Gendarmerie, Oberharzerinnen plünderten die Häuser von Kaufleuten und Beamten vom Leder, weil diese unverschämte Preise für Lebensnotwendiges forderten (“Harzweibertumulte). Der Landesherr reagierte mit drakonischen Strafen, Lohnkürzungen und lebenslangen Verbannungen. Das führte zum sofortigen Einzug sämtlichen Eigentums des Ausgewiesenen. Nur der evangelischen Kirche gelang es, ruhig und fortwährend durch Pfarrer und Lehrer an Bürgerschulen für geistiges Wohl zu sorgen. Es gibt diverse Beispiele für renitente Ereignisse in den Bergstädten, die auch blutig verliefen und sogar Soldaten auf den Plan riefen. Der evangelische Pfarrer der Bergstadt Clausthal musste bei Nacht und Nebel wegen akuter Todesdrohungen gegen ihn fliehen, weil er gegen die  “ Deutsche Revolution von 1848“, natürlich auf Weisung des Landesherrn, predigte.

Die Dialekte der angrenzenden Bergstädte St. Andreasberg, Bad Grund oder Altenau, beinhalten noch heute sprachliche Einflüsse der nord-thüringischen bzw. niederdeutschen Mundart. Selbst das Fuhrherrendorf Buntenbock, heute ein Stadtteil der Berg- und Universitätsstadt Clausthal-Zellerfeld, weist stark niederdeutsche Einflüsse auf, was im Buntenbocker " Köhlerlied " verdeutlicht wird:

hüte ist der erste Mai; tieht dat Koehler up dat Hai. Junge hol den Waterpott; un kok inst ne Waterzopp; Junge hät et Salz vergetten; kannst de  Waterzopp selbäst äten".

was in die Oberharzer Mundart, Clausthaler Variante, übersetzt so viel heißt wie:

"heite is dr ärschte Mai, zieht dr Kehler off sein Hai; Junge, huhl dn  Wassrtopp, un koch uns ähne Wassersupp; Junge hostes Sals vergassn, kohst de Suppe salber assn".

oder in Hochdeutsch:

"heute ist der erste Mai, zieht der Köhler auf seinen Hai; Junge hol den Wassertopf und koch uns eine Wassersuppe; Junge hast das Salz vergessen, kannst die Suppe selber essen."

Auch die Oberharzer Mundart wandelte sich im Laufe der Jahre mehr und mehr. Sie gleicht sich dem Hochdeutschen an. Der Mix aus Mundart und Hochdeutsch wird allgemein „Mähßingsch“ genannt.


aha !
Mähßingsch“ ist die mundartliche Aussprache für „Meißnerisch“, offenbar zuerst in der von Oberharzer Bergleuten bergmännisch begründeten Stadt „Meißen“ in Sachsen entstanden.

Nur ein wenig Geschichte

Die Oberharzer Mundart, genau wie das Vogtländische und das Sächsisch-West-Erzgebirgische, gehört sprachlich in die ost-/ober-fränkische Sprachenfamilie. Besonders auffallend sind dazu die vielen Wortverwandtschaften in Klang, Schrift und Bedeutung in den genannten Gebieten. Was im Fränkischen „schlacht" (schlecht) ist, ist es auch in Ton, Bedeutung und Schrift im Oberharz und was bei uns "racht" (recht) ist, ist es auch im Erzgebirge und in Ost-Franken. In der bayerischen Rhön ist man "drhemm" (Zuhause). Der "Moh" (Mann) in Franken ist es auch im Erzgebirge und hier, ebenso seine "Frah" (Frau), leicht abgewandelt in „Froo“ in Schlesien.

Der Oberharz, das Erzgebirge und Schlesien wurden einst von fränkischen Bergleuten und Familien über Jahrhunderte besiedelt.
Der Hinweis auf einen alten Bahnhof westlich von Clausthal-Zellerfeld mit "Frankenscharrnhütte" auf fränkische Hüttenleute wird von einigen Fachleuten begründungsfrei bezweifelt, obwohl bei Erweiterung des Bahnhofes noch im 20. Jahrhundert Beweise für eine fränkische Hüttentätigkeit gefunden wurden. Niemand bezweifelt die fränkischen Hinweise in Goslar mit “Kloster Frankenberg”, “Frankenstraße” und die Legende, dass die “ Kettenstraße” eine riesige Kette enthielt, die Sachsen und Franken voneinander trennen sollte. Erst im 16. Jahrhundert wanderten viele Erzgebirgler zurück in den einst von ihnen verlassenen Oberharz, besonders nach Wildemann . Der Grund waren die äußerst sozialen Bergrechte und Bergverordnungen des braunschweigischen Landesherrn, die sogar eine körperliche und geistige Eignungspflicht der Berghauptleute, enthielten, mal abgesehen von der Tatsache, dass nur körperlich gesunde Adlige Berghauptmann werden konnten. Dabei kam es nicht auf Intelligenz sondern nur auf Abstammung an. So ist der heutige Büroleiter der Welfen-Hauses “von Hannover” ein Nachfahre des damaligen Clausthaler Berghauptmannes “von Veltheim”.

Diese Zeit des 16. Jahrhunderts wird allgemein von Fachleuten als Start der Oberharzer Mundart angenommen, obwohl zu dem Zeitpunkt bereits ein dialektischer Pool aus Böhmisch, Sächsisch, Ost-/Ober-Fränkisch, Niederdeutsch und Hochdeutsch im Oberharz existierte. Eine eklatante Fehlbezeichnung für unsere Mundart ist: "Oberharzer Platt". Der ursprüngliche Begriff "Platt" bezieht sich ausschließlich auf die Küsten- und Moormundarten. Der Oberharz ist alles andere als platt.

Hier nun die besonderen Merkmale unserer Mundart.

Ich muß vorab noch einmal darauf hinweisen, dass unser Dialekt keine Schriftsprache ist und somit nicht die Regeln enthält, die im Hochdeutschen gängig sind. Gut 100 Jahre vor dem Arbeitsteam Weitemeyer, St. Andreasberg, und seinen anderen bergstädtischen Helfern, sammelte der Bergmann Friedrich Schell die vielen Bezeichnungen und erstellte bereits eine Art “Wörterbuch.”. Heute sprechen wir im Oberharz nicht mehr die ursprüngliche Mundart, sondern einen Mix aus Hochdeutsch und Dialekt, was auch besonders bei den vielen Oberharzautoren festzustellen ist.

  • Dialektbespiel: "der Berg"

    Mit dem höchsten Berg Norddeutschlands und Niedersachsens, dem Brocken (1142 m, subalpines Klima), haben wir ein gutes Demonstrationsobjekt: Am hochdeutschen Wort "der Berg" soll verdeutlicht werden, wie auch in den Oberharzer Bergstädten unterschiedlich betont wird. Er wird in der Theatersprache mit betontem "g" ausgesprochen, im Hochdeutschen aber als „der Berch" gesprochen, wobei sich das "g" zum "ch" wandelt, in Clausthal und Zellerfeld heißt er "dr Barch“. Dabei wird grundsätzlich immer der Vokal „e“ des bestimmten Artikels weggelassen. In Andreasberg, Lautenthal, Wildemann wird er mit "dr Barrich" so ausgesprochen, dass das "r" im hinteren Rachenraum stark gerollt wird, ähnlich dem Amerikanischen. Das ist tatsächlich ein Relikt des Erzgebirgischen, das aber ausschlließlich in diesen Bergstädten gesprochen wird. In Altenau spricht man dagegen vom niederdeutschen "dr Bark".

    Die Altenauer Variante wurde zuerst von Karl Reinecke und später vom Oberharzer Heimatbund für den gesamten Harz und Teile des Harzvorlandes generalisiert. So heißen alle Brauchtumsgruppen im Heimatbund „Barkämter“, obwohl sie streng genommen nur in Altenau so heißen dürften. Der Vorsitzende des Oberharzer Heimatbundes nennt sich auch bergmännisch “Ewergeschwurner”, Obergeschworener, was zum Nachdenken über den zivilen Gebrauch bergmännischer Dienstgrade anregen könnte. Aber gut, es wäre traditionell.

     

  • Dialektmerkmal: "Schnellsprache"

    Das nächste Merkmal unserer Mundart ist, dass sie in den betreffenden Bergstädten unterschiedlich schnell und nuanciert anders betont gesprochen wird.  Übrigens erkennen nur Oberharzer am Sprachtempo und der Betonung die Bergstadt des Sprechers.

    Bei allen örtlich begrenzten Dialekten im Oberharz ist es aber so, dass die Sprache, egal ob schnell oder langsam gesprochen, einen erkennbar “singenden Klang” aufweist.

     

  • Dialektmerkmal: "kein oe und kein ue"

    Das nächste Merkmal wurde bereits von Erich Wolfgang (Dr Schießer) 1964 so beschrieben, dass sie kein "Ö” “ö" und kein "Ü” “ü" enthält. Ersetzt wurden sie durch das "Ä” “ä" und das "E” “e", oft in Begleitung einer örtlichen Bestimmung, z.B.  „nirgends“ heißt „närrings“ oder „nerrings“ mit dem Zusatz “wu”, also “wo”. komplett dann “närrringswu.”, also: nirgendwo.

    Für das ausgetauschte „Ö” “ö“ hier einige Beispiele: böse („bies“), hölzern („helsern“), fördern („ferdern“), gewölbt („gewellebt“); König („Kenich“), knören („knärn“, „knern“), hören (“härn”), schmieren (“schmärn”)

    Für die ausgetauschten „Ü ü“ hier die Beispiele: Füße („Fieß“), Blüten („Blieten“), Brüder („Brieder“), grüßen („grießen“).

    Dazu gibt es als Untervariante noch das kurz betonte „I i“, z.B.: Büchse („Bichs“), brüllt („brillt“), Mütze („Mitz“). Dazu werden anstelle des „Ü ü“ andere Vokale eingefügt, z. B.: für mein Übel („for mei Iebel“), für mich („for mir“), Bürste („Berscht“).

     

  • Diakeltmerkmal: "kein Genitiv", 2. Fall

    In der Oberharzer Mundart gibt es keinen Genitiv (2. Fall) wie im Hochdeutschen, bekannt durch das angehängte „s“, also „meines Pferdes Decke“ heißt in unserer Mundart: „Mei Pfard seine Deck“, „des Wilddiebs Gewehr“ würde dann heißen: „es Gewehr von dn Wilddieb“, was mit „dn“ (den) ebenso auf den fehlenden Dativ hinweist, „das Gewehr von den Wilddieb“.

     

  • Dialektmerkmal: "der ausgelassene 4. Fall"

    Der Akkusativ, der 4. Fall, bleibt in der Oberharzer Mundart einfach ausgeschaltet. Dafür gibt es keine Regel. So sagt man es mundartlich, besonders wenn es sich um das Ausdrücken einer Tätigkeit handelt. Hier einige Beispiele, die diese Sonderheit verständlich darstellt.

    Die zu stellende Frage bezieht sich immer auf: wen oder was macht das Substantiv mit dem Verb?

     

    mundartlich

    hochdeutsch falsch im Akkusativ

    hochdeutsch richtig im Akkusativ

    ich gieh off dr Hochzich

    ich gehe auf der Hochzeit

    ich gehe auf die Hochzeit

    ich kumm off deiner Red zurick

    ich komme auf deiner Rede zurück

    ich komme auf deine Rede zurück

    ich gieh ieber dr Schulwies hemm
     

    ich gehe über der Schulwiese nach Hause

    ich gehe über die Schulwiese nach Hause

    de Meis huschn ieber dr Strohß
     

    die Mäuse huschen über der Straße

    die Mäuse huschen über die Straße

     

     

  • Dialektmerkmal: "kein Dativ", 3. Fall

    In der Oberharzer Mundart gibt es keinen Dativ (3. Fall) wie im Hochdeutschen:  "Iche schprohch mit ihn in dn Rohthaus", In der direkten  hochdeutschen Übersetzung: "ich sprach mit ihn in den Rathaus", wobei “den“ oft durch "dann” ersetzt wird,  „Ewerharzer Kinner giehn ieber dr Schulwies hemm“, heißt direkt übersetzt: "Oberharzer Kinder gehen über der Schulwiese nach Hause“. Im Hochdeutschen sind dieses Fehler, im Oberharzer Dialekt nicht.


    Diese Sprechweise ist übrigens ein Relikt der niederdeutschen Bergleute aus dem Harzvorland, die vom Landesherrn in die Oberharzer Gruben zur Mitarbeit befohlen wurden
    .

     

  • Dialektmerkmal: "Doppelbuchstabe oder tonverlängerndes h"

    In den Bergstädten Wildemann und Lautenthal mit ihrem stark west-erzgebirgischen Einfluss werden langgezogene Buchstaben als Doppelbuchstaben geschrieben, während in Clausthal und Zellerfeld dafür das tonverlängernde "h" eingesetzt wird. Diese Regel bleibt vielfach auch von Heimatforschern unbeachtet und das Wort wird tonverlängernd gesprochen aber nicht mit dem
    “ h” versehen. Das mag daran liegen, dass die Heimatforscher aus dem Oberharz stammen und das von ihnen gerade benutzte Wort sowieso oberharzerisch lesen und aussprechen, ohne die Tonverlängerung (neudeutsch: sound extensions) zu vermerken.

    Das hochdeutsche Wort "auch" schreibt man in Andreasberg, Wildemann und Lautenthal als "aach", in Clausthal-Zellerfeld aber "ahch".  Das hochdeutsche "Auge" heißt dort: "Aach" und in Clausthal-Zellerfeld: "Ahch".

    Beispiel Wildemann/Lautenthal:

    „Mei rachtes Aach dutt mr weh, es annere aach“

    Beispiel Clausthal:

    „Mei rachtes Ahch duttmr weh, es annere ahch“

    Beispiel Altenau:

    „Mein rachtes Aach duht mich weh, dat annere aach“

    Hochdeutsch:

    mein rechtes Auge tut mir weh, das andere auch
     

  • Austausch oder das fehlende "e"

    In der Oberharzer Mundart wird vornehmlich das “e” gegen andere Vokale ausgetauscht oder man lässt es einfach komplett weg. Deswegen werden die hochdeutschen männlichen und weiblichen bestimmten Artikel “ der, die“ in der Mundart ausschließlich als "dr, de" geschrieben, wobei das “dr” im hinteren Rachenraum gesprochen wird.

    Der hochdeutsche sächliche bestimmte Artikel "das" wird im Oberharz einfach "es“ genannt, z.B. das Haus („es Heisel“), das Mädchen ( „es Mädel“), das Bad („es Bohd“).

     

  • Dialektmerkmal: "ein A mehr, aber anders betont"

    In der hochdeutschen Sprache gibt es bereits zwei unterschiedliche Betonungen des Vokals „A” “a“. Zuerst gibt es das langgezogene, im  Rachenraum ausgesprochene, „A” “a“, z.B.: sagen, schlagen, ragen, klagen, nagen. 

    Als zweites kennt man das kurz gesprochene, im vorderen Rachenraum heller gesprochene „A” ”a“, z. B.: lachen, krachen, machen, Sachen, lachen.

    Im Oberharzer Dialekt gibt es zu den beiden ein drittes „A” “a“, das zwar auch im vorderen Rachenraum gesprochen wird, aber als Kombination „hell und langezogen“: z. B. „sahn“ (sehen), „sahng“ (sagen), “wahng“ (wegen); „rahng“ (rauchen), „war?“ (wer?), „har is grah“ (er ist grau), „kumm har!“ (komm her), „Fard“ (Pferd), „Bahmersch (Bäume).

    Der Heimatforscher Erich Wolfgang (dr Schießer) hat dafür 1964 einen erklärenden Satz niedergeschrieben, in dem alle „A” “a“ nebeneinander vorhanden sind. Diesem pflichtete auch der Heimatforscher Albert Wiese 1990 bei:

     „Wie iche neilich bei dr war, hah iche do ähn Moh gesahn, su sah mr doch, war war denn dos, dande do bei dr hottest“
    (Als ich neulich bei dir war, habe ich einen Mann gesehen, so sag mir doch, wer war denn das, den du dort bei dir hattest).

    Dieses zusätzliche „A” “a“ in der Oberharzer Mundart macht es Auswärtigen so schwer, diese Mundart zu erlernen, wobei sich Oberharzer genau an dieser Besonderheit erkennen.

     

  • Dialektmerkmal: "Zusammenziehen von Worten"

    Albert Wiese schreibt 1990, dass Worte und Wortendungen mit einem hochdeutschen Verb, z.B.: „lassen“ oder in Befehlsform „Lass“ zusammengezogen werden, z.B.: „loßdr“ (lass dir), „loßmr“ (lass mir), „loßmersch“ (lass mich es), loßdersch“ (lass dich es) oder mit dem Verb „wollen“ heißt es „wullnmr“ („wollen wir), „wullter“ (wollt ihr),  oder mit dem Verb „gehen“: z. B. gehen wir („giehnmr), geht ihr? (giehter?).

    So kann jedes Verb eigentlich zusammengezogen angewendet werden. Der Oberharzer Gruß „e.g.d.w. bedeutet „es gieh dr wull“ (es geh Dir wohl) wird nur zu einem „Zackel“ (Freund) gesagt, wobei auch das Plural vorhanden ist mit: „es gieh se wull“, es gehe ihnen (Plural) wohl, aber auch „es gehe Ihnen wohl“ (Singular an Hochgestellte), „wiemer sich draht uder went“ (wie man sich dreht oder wendet).

     

  • Diakeltmerkmal: "Betonungswechsel ist Sinnwechsel"

    An dem hochdeutschen Wort „einmal“ soll verdeutlicht werden, dass dieses Wort im Oberharz zwei Bedeutungen hat, das aber von der Betonung der einzelnen Silbe „ein“ bzw. „mal“ abhängt, also Betonung der ersten oder zweiten Silbe.

    Liegt die Betonung auf der ersten, so wird es „ämol“ gesprochen, wogegen mit Betonung auf der zweiten sich das Wort in „emol“ wendet. Albert Wiese bringt dazu 1990 diese Beispiele: 1. Silbe „Off ämol wursch Nacht“ (auf einmal wurde es Nacht); 2. Silbe „kumm doch emol har! (komm doch einmal her).

    Dieses hat sich in der heutigen Mundart angepaßt, so dass für beide Fälle „ämol“ genommen werden kann und dadurch das andere fast verschwindet.

     

  • Dialektmerkmal: "Wandlung -ei- zu -ai-"

    Die Vokale und/oder zusammengesetzten Buchstaben des Hochdeutschen: „i“, „e“, „ei“, „ie“, „au“, “ai” wandeln sich im Oberharz grundsätzlich in ein „Ä ä“. Dennoch gibt es Worte, die in der Oberharzer Mundart genau so ausgesprochen werden wie im Hochdeutschen. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um bergmännische Ausdrücke.

    Beispiele für den Wechsel zum „Ä“: der Schweiß („dr Schwäß“), der Kaiser („dr Käser“), Schmierung („de Schmährung“), schmieren („schmärn“), weich („wähch“), seine („säne“), glauben („glähm“), feige („fähch“).

    Beispiele für die gleiche Aussprache wie im Hochdeutschen:
    Eisenhüttenkunde („Eisenhittnkunne“), rotglühendes Eisen („ruhtgliehndes Ähsn“).  Entgegen der Auffassung von Albert Wiese wird auch das Wort „Heimat“ in vorgenannter Weise verändert:  „Hämoht“, im erzgebirgischen Dialekt in „Haamit“. Hier begegnet uns wieder der Doppelbuchstabe aus den westharzerischen Bergstädten.

    Das nunmehr gewandelte “ei”, z. B. in dem hochdeutschen Wort  “ein” kann auch tonverlängernd gesprochen werden. Dann wird auch hier ein “h” zugesetzt, z. B. “ein (ähn)” oder “meins (mähns)”, “gähnen (gähne)” usw. Heimatforscher schreiben diese Wandlung vielfach alleinstehend, also für “ein Apfel (ä Appel)”, für “meins (mäns)”, für “dein (däns)”. In Clausthal und Zellerfeld schreibt und spricht man dafür: “ähn”., “mähns”, “dähns”

    In der unser Mundart spricht man das “ei” teilweise wie im Französischen. Ob diese Ausdrucksweise nun ein Relikt aus dem Französischen sein könnte, bleibt dahingestellt, z. B.: ist “die Neige im Glas” hier “de Nähch in dn Glohs”, im Plural “de Nähng in de Gläser”. In Frankreich sagt man zur Bürgermeisterei “la Mairie”.

     

  • Dialektmerkmal: " andere Dialekte"

    Wie bereits am Anfang festgestellt, ist die Oberharzer Mundart eine Spracheninsel in dem umgebenden, niederdeutsch plätschernden Meer. Das ist unstrittig. Dennoch hat das ein oder andere Wort des Oberharzes Einfluss auf angrenzende niederdeutsche Dialekte genommen oder umgekehrt. Das dürfte auch daran liegen, dass der braunschweigische Landesherr im 16. Jahrhundert wegen fehlender Arbeitskräfte befahl, dass niederdeutsch Sprechende aus dem Harzvorland in den Oberharzer Gruben arbeiten mussten. Wie bereits erwähnt, flossen dabei niederdeutsche Ausdrücke in den „Sprachenpool“ des Oberharzes ein, besonders zu merken in der Altenauer Variante der Mundart.

    So vergleicht Werner Binnewies aus Förste 1985 seinen örtlichen Dialekt mit Ausdrücken aus der Oberharzer Mundart und kommt zu dem durchaus richtigen Schluss, dass Beeinflussungen stattgefunden haben könnten, obwohl Schreibweise und Betonung erkenn- und hörbar unterschiedlich seien. Die Vielzahl der niedergeschriebenen Ausdrücke scheint sprachlich neueren Datums und der modernen Umgangssprache entnommen worden zu sein. Dennoch sollen zur Vervollständigung hier einige Beispiele klang- und bedeutungsgleicher Worte vorgestellt werden. Natürlich fand eine Beeinflussung statt. Es ist egal von wo und in welche Richtung.

    Der Oberharzer Begriff für das Antrinken einer frischen Flasche Bier heißt „ahnlacken“ (anlecken), in Förster Mundart „anlicken“, das niederdeutsche „dermank“ heißt im Oberharzerischen „drmang“ (dazwischen) oder auch „mittnmang“ (mittendrinnen), das Förster „dickdrewisch“ (dickes Fall haben) heißt bei uns „dickdrähmsch“, das Förster „knärig“ ist Oberharzerisch „knärich“ oder „knärn“ (knören), das Förster „Marakel“ ist auch das Oberharzerische „Marakel“ (große ungelenke, dünne Frau), das Förster „orzen“ ist auch das Oberharzerische „orzn“ (verschwenden), der Oberharzer „Schapp“ (Schrank) ist auch der Förster.

    Werner Binnewies ordnet seine Förster Mundart der ostfälischen Sprachengruppe zu. Die Oberharzer Mundart gehört aber in die fränkische Sprachengruppe. Sprachliche Unterschiede sind allgemein feststellbar, denn ostfälisch ist grundsätzlich Niederdeutsch.

     

  • Dialektmerkmal: "Wechsel w"

    Fester Bestandteil der Oberharzer Mundart ist der Wechsel der Buchstabenfolge mit einem “b” nach einem Vokal, z. B. “ib”, “ub”, “ab” usw., auch im Wortinnern, zum “w”. Diese Regel wird bei allen Autoren Oberharzer Artikel angewendet.

    Beispiele:

    über = iwer; aber = ower; Gabel = Gawel; Nebel = Nawel; Narbe = Narwe, der Narbige = dr Narwete; Räuber = Reiwer, rauben = reiwern; Oktober = Oktower    usw.

  • Diakeltmerkmal: "französische Sprachrelikte"

    Die französische Sprache war die Sprache der Höhergestellten in den Bergstädten. Insbesondere in der Bergstadt Clausthal, in der Schriftstellerinnen und Dichter verkehrten, aber auch die Berghauptleute sich modeentsprechend unterhielten,

    In der nachfolgenden Tabelle habe ich einige Worte französischen Ursprunges im Oberharzer Sprachenpool, mit hochdeutscher Erklärung, zusammengestellt. Es gibt sicherlich noch weitere.

     

    Oberharz

    Französisch

    Hochdeutsche Erklärung

    Trittewar

    Trottoir

    Zusammenfassung des Oberharzer “Tritt” und des französischen “Trottoir”

    Schäselong

    Chaiselongue

    schlesisch: Scheslong; Sofa

    Kuntenanz

    Contenance

    Haltung

    Kannapee

    Canape

    Sofa mit höheren Abschlüssen links und rechts

    Terreng

    Terain

    Gegend, Bereich

    Schandarrem

    Gendarm

    Polizist

    rateriern

    retirer

    überlegen, zurückziehen

    Muscheh

    Monsieur

    Herr

    Peeapee

    peu a peu

    nach und nach

    Vorpasterlantant

    pour passer les temps

    die Zeit passieren lassen, Zeitvertreib

    Plärre

    pleurer

    dünn wie Wasser (eine Träne, weinen)

    Mutterseelnallähne

    moi tout seul

    ich ganz allein; eben auch von der Mutterseele verlassen

    Fisematenten

    visite ma tente

    Ursprung: Aufforderung der französischen Besatzungssoldaten an die weiblichen Bürger in Clausthal, das französische Zelt zu besuchen

    Malllär

    Malheur

    Ungemach

    malate

    malade

    krank

     

  • Oberharzer Spitznamen

    Neben den nachstehend niedergeschriebenen Schimpfnamen (Oberharzerisch: Neitznames) erhielten Bergleute Spitznamen nicht nur unter Tage von ihren Kollegen. Die betreffenden Bergleute wurden auch nach Ausscheiden aus ihrer Arbeit weiterhin so genannt.

    Ich schreibe hier Spitznamen nieder und daneben die Bergstadt, aus der sie kommen. Sie sind nicht erfunden, sondern waren/sind tatsächliche Bezeichnungen für Bergleute in den Oberharzer Gruben. Da die Namen von Generationen weitergegeben werden, kann man bei Nennung der Trägernamen eben auf diese schließen. Das möchte ich verhindern.

     

    Spitzname

    stammt aus der Bergstadt

    A

     

    Ahnfahrschuh

    Clausthal

    Allesmann

    Zellerfeld

    Alter Mond

    Buntenbock

    Auge

    Wildemann

    B

     

    Ballschuh

    Zellerfeld, Wildemann

    Bich-Bich

    Zellerfeld

    Borrie

    Wildemann

    Brohtworscht

    Bad Grund

    Bullerts

    Zellerfeld

    D

     

    Deddi

    Clausthal

    Dienerle

    Clausthal

    E

     

    Essigrachen

    Bad Grund

    F

     

    Fiddi

    Clausthal

    Flautschenrachen

    Clausthal

    Flatter

    Clausthal

    G

     

    Gandi

    Clausthal

    Glockenfrosch

    Bad Grund

    gruhßer Aff

    Zellerfeld

    H

     

    Hammerzeh

    Clausthal

    Harzgretel

    Buntenbock

    Hirschkuh

    Polsterberg

    Hörnerziehch

    Zellerfeld

    I

     

    Ihdel

    Clausthal

    Imker

    Bad Grund

    Itze

    Clausthal

    J

     

    Jankel

    Clausthal

    Japsel

    Zellerfeld

    Jeitzel

    Clau,sthal

    K

     

    Kappweh

    Zellerfeld

    Klammernsack

    Wildemann

    Kickeriki

    Clausthal

    Klump

    Clausthal

    L

     

    Lattenfriedel

    Clausthal

    Lattenkiehchel

    Hahnenklee

    Linsenbart

    Zellerfeld

    M

     

    Mauler

    Zellerfeld

    Mohr

    Clausthal

    Metermann

    Zellerfeld

    N

     

    Nahsel

    Clausthal

    Nasenbär

    Wildemann

    P

     

    Puttenprinzel

    Clausthal

    Pappelschtock

    Clausthal

    Puhtpuht

    Clausthal

    R

     

    dr  Ruhte

    Zellerfeld

    Ruhtworscht

    Bad Grund

    Rickschtrohler

    Zellerfeld

    S

     

    Sahnebollo

    Clausthal

    Schatten

    Zellerfeld

    Schnackel

    Clausthal, Bad Grund

    T

     

    Tunne

    Clausthal

    Tamberkarel

    Clausthal

    Teide

    Wildemann

    U

     

    Ullut

    Clausthal

    Uhrmacher

    Wildemann

    V

     

    Vierbein

    Clausthal

    W

     

    Weihnachtsmann

    Zellerfeld

    Wubbtich

    Bad Grund

    Wurms

    Wildemann

    Z

     

    Zacketer

    Clausthal

    Zehtzel

    Clausthal

    Zwieback

    Zellerfeld

    Zessig

    Wildemann

     

  • Oberharzer Mundart-Wörterbuch

    Die Idee zur Erstellung eines Oberharzer Wörterbuches stammt aus dem frühen 18. Jahrhundert. Der Bergmann Friedrich Schell schrieb die unterschiedlich dialektischen Worte nebeneinander auf. Daraus bildete sich später der von mir in modernem Deutsch so benannte “Sprachenpool”, es zahlten sozusagen alle im Oberharz vertretenen Sprachen oder Mundarten darin ein.

    An der Ausgestaltung des Oberharzer Wörterbuches nach der erneuten Idee von Karl Heinz Weidemeier, St. Andreasberg, nahmen aus den anderen Bergstädten teil: Zuerst wurden 1999 die ersten beiden Bände erstellt.

    Wissenschaftliche Leitung: Prof. Dr. Wille, Blankenburg

    Bergstadt St. Andreasberg:
    Karl-Heinz Weidemeier, Künstlername: Dr Farschter (der Förster), Käthe Mahnke, Heinz Schubert; August König

    Bergstadt Clausthal:
    Kurt Astheimer, Günter Hake

    Bergstadt Zellerfeld:
    Irmgard Maaß, Günter Rosenthal

    Bergstadt Wildemann:
    Christel Chiriatti, Elisabeth Kneistler

    Bergstadt Lautenthal:
    Werner Böttcher

    Bergstadt Altenau:
    Alfred Kneistler, Elisabeth Kneistler

    Die heute sieben Bände des Oberharzer Wörterbuches, nebst Begleitheften und Tonträgern, sind zweifelsfrei eine Fleißarbeit der Beteiligten. Dennoch kann man die siebenfache Sammlung von Oberharzer Wörtern nicht zitieren, denn der Dialekt ist keine Sprache sondern ein Dialekt, den man nur vor Ort lernen kann, während Sprachen allgemeinbekannt auch aus Büchern gelernt werden können. Was durch die in den Büchern verwendeten Silben-Betonungszeichen nicht deutlich wird, ist der “singende Ton” in unserer Mundart, also die hohe und tiefe Betonung von Silben in Folge. Genau das ist aber ein wichtiges Merkmal, was in keinem Falle weggelassen werden kann.

    In den Veröffentlichungen von Karl-Heinz Weidemeier im HarzBergKalender ist festzustellen, dass auf den Worten wissenschaftliche Betonungszeichen, ähnlich den französischen Akzentzeichen, vorhanden sind. Niemand im Oberharz, auch in St. Andreasberg nicht, sprach oder schrieb mit Betonungszeichen oder nahm diese schwierigen Sprechhilfen wahr. Diese Artikel sind selbst für Einheimische schwer zu lesen. Festzustellen ist auch, dass die Betonungszeichen in keinster Weise beim Lernen der Mundart helfen sondern eher verwirren. In den Wörterbüchern sind die unterschiedlichen Betonungen in den  Bergstädten aufgeschrieben.

    Doch was soll der Interessierte an der Mundart daraus lernen, alle unterschiedlichen Ausdrücke nacheinander oder soll er sich nach eigenem Gutdünken einen Ausdruck aussuchen, was unweigerlich zu einem Kauderwelsch führt?
     “Welsch” ist übrigens ein alt-germanischer Ausdruck für “fremd”, auch erkennbar in der Bezeichnung der englischen Gegend “Wales”, das als “fremd” von den eingewanderten Sachsen erklärt wurde, da dort keine Sachsen wohnten.

    Nicht teilen kann ich seine immer wieder veröffentlichte Auffassung, dass die Mundart ausgestorben ist oder zumindest kurz davor steht. Es ist für den Erhalt unserer weltweit einmaligen Mundart wenig hilfreich, ständig depressiv über ihren Fortbestand zu reden.

    Deswegen: Wir machen weiter!!

    Die Heimat- und Mundartforschenden sind nicht ausgestorben, auch wenn sie weniger geworden sind

     

  • Oberharzer Schimpfnamen

    Oberharzer sind alle im Besitz von Spitznamen und Schimpfworten, die sich aus einer körperlichen Versehrtheit, einer Tätigkeit unter oder über Tage, einem Ungeschick oder einer anderen beruflichen Tätigkeit ergaben. Diese Namen werden für alle Generationen weitergeführt, oft ist der richtige Name nicht bekannt, dafür aber der Spitzname.

     

    Hier eine Auswahl:

     

    Name

    Hochdeutsch

    Erklärung, Herkunft, Bedeutung

    Froschahch

    Froschauge

    Glubschäugiger, nasse Augen

    Fatschahch

    Fatschauge

    nässendes Brillenhämatom,  gefatscht = geschlagen nach einem Kampf

    Matschahch

    Matschauge

    akute Oberlidschwäche eines oder beider Oberlider

    Kanthols

    Balken

    Bergzimmermann, der die Ausbauten der Stollen mit Balken etc. fertigte

    Feierzeich

    Feuerzeug

    Lkw.Fahrer, der Petroleum fährt; es war strengstens verboten, im Führerhaus zu rauchen; das interessierte ihn nicht, er hatte immer ein Feuerzeug bei sich; deswegen der Name

    Marschmorchel

    ohne

    unordentliche, ungebügelte Bekleidung, die wieder angezogen wird und am Hintern Falten aufweist wie der gezackte Pilz (Morchel)

    Bruchbarricher
    Morastrachen

    Bruchberger
    Morastgesicht

    Schimpfname für Andreasberger, neben dem Bruchbergmoor (Morast) wohnen

    Kuckucks

    Kuckuck

    weiteres Schimpfwort für die Andreasberger

    Schmantrachen

    Dreckmund

    Zellerfelder aus der Sicht der Clausthaler

    Heckbüschel

    Heckenbusch

    Clausthaler aus der Sicht der Zellerfelder

    Schmandrachen

    Fettmund

    dickes, wohlgenährtes Baby

    Hinnewiederle

    ohne

    unruhiges, ständig besserwissendes Kind/Jugendlicher/Erwachsener

    Boruckenschtock

    Perückenständer

    ältere, im Kopfhaarbereich ungepflegte Frau mit stränigen, langen, grauen Haaren

    Dreiklötzerrachen

    breiter Mund

    Mensch, der einen breiten Mund hat; als Kind paßten genau drei Bauklötzchen in den Mund, der dann in seiner Ausdehnung so blieb

    Schwefelkopp

    Schwefelkopf

    jährzornige Mensch; wie das leicht entzündbare Ende eines Streichholzes

    Schwudjeh

    ohne

    verheirateter Herumtreiber in Gaststätten

    gahle Morell

    gelbe Morelle

    Mensch mit gelber Gesichtshaut; angelehnt an den gelben Pilz (Morelle)

    Fliehchelschraub

    Flügelschraube

    Mensch mit weit abstehenden Ohren

    Totterer

    Stotterer

    Mensch mit Sprachfehler

    Ähsnzahn

    Eisenzahn

    Mensch, der noch nie beim Zahnarzt war

    Bompel

    ohne

    dicke Frau

    Stümbel

    ohne

    freundschaftliche Bezeichnung für ein Kind

     

     

     

     

  • Synonym

    016

    Foto: Herbert König

    Dieses letzte Haus von Alt-Schulenberg, das langsam in der sich füllenden Okertalsperre versinkt, symbolisiert den Stolz eines untergehenden Bergdorfes bis zuletzt, genauso wie den Stolz auf eine gefährdeten Oberharzer Mundart, die langsam aber sicher in Vergessenheit gerät.

    Man darf es nicht zulassen!

     

  • Resümee

    Die Oberharzer Mundart ist keine Schriftsprache. Das bedeutet, dass man sie so schreiben kann, wie man sie hört. Unterschiedliche Schreibweisen in unterschiedlichen Bergstädten sind daher nicht grundsätzlich falsch. Dabei werden hochdeutsche Begriffe die Schreiber oder Sprecher immer mehr beeinflussen und damit ungewollt die ursprüngliche Mundart einer Veränderung zuführen.  Regeln zur Rechtschreibung wie im Hochdeutschen existieren in unserem Dialekt nicht so viel.

    Das bedeutet aber auch, dass man hochdeutsche Sätze nicht 1:1 parallel in die Mundart übersetzen kann. Hier muss man sich schon an die wenigen Regeln unserer Mundart halten. Da der Oberharzer Dialekt keine Sprache im wissenschaftlichen Sinne ist, sondern eben eine Mundart, kann man sie nicht zu Hause aus Büchern lernen, sondern muss vor Ort leben, genauer und länger zuhören, immer mal sprechen.

    Im 18. Jahrhundert hat der Bergmann Friedrich Schell eine Art Wörterbuch angefangen, aus dem noch lange Zeit für die Oberharzer Mundart zitiert wurde.

    Der Oberharzer Dialekt verdient es nicht, in die Ecke gedrängt und mit der Zeit vergessen zu werden, nur weil sich einige mit dem Dialekt nicht anfreunden können oder wollen. Vielfach kommen die Ablehner aus Gegenden, in denen niederdeutscher Dialekt gesprochen wird. Teilweise sprechen die Ablehner selbst Dialekt, z. B. tiefstes Niederdeutsch in Schwiegershausen / LK Osterode am Harz..

    So ist es umso mehr unverständlich, warum gerade die weltweit einmalige Oberharzer Mundart so sträflich vernachlässigt wird.

     

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